Hilchenbacher Grüne zu Gast bei den Alternativen Lebensräumen („alf“): „Für ein selbstbestimmtes Miteinander aller!“

Die Hilchenbacher Grünen waren am Dienstag (1.9.) zu Gast bei den Alternativen Lebensräumen an deren Hilchenbacher Wirkungsstätte, dem Kinder-Secondhand-Laden „AliBaba“, um sich von Sonja Becker, Geschäftsführerin der GmbH mit Hauptsitz in Siegen, und ihrer Mitarbeiterin Astrid Brockelt, die Arbeit von alf (so die Kurzbezeichnung der Gesellschaft) erläutern zu lassen und gemeinsam Möglichkeiten für eine engere Kooperation zu beraten.

1990 als Verein der „Obdachlosen- und Nichtseßhaftenhilfe e.V.“ gegründet, 1993 in „Alternative Lebensräume e.V.“ umbenannt und seit 2002 als Gesellschaft ‚Alternative Lebensräume gGmbH“ geführt, ist alf in Südwestfalen mit den Tätigkeitsschwerpunkten Bildung und Qualifizierung, Integration in die Arbeitswelt, betreute Wohnformen, Kindertagesstätten und den Kinder-Secondhand-Läden AliBaba breit aufgestellt und auch in Hilchenbach längst fest verankert:

Neben AliBaba, dem vierten von kreisweit insgesamt sechs „märchenhaften Kinder-Secondhand-Läden“ (eröffnet 2010) betreibt alf seit 2018 die dreigruppige Kindertagesstätte „Hannes“ an der Bruchstraße/Hindenburgstraße. Für „Hannes“ sind derzeit Sondierungen für einen endgültigen Standort im Gange. Sonja Becker zeigte sich zuversichtlich, dass die Standortfrage zeitnah geklärt werden könne, will aber derzeit keine Einzelheiten bekannt geben: „Wir werden uns beizeiten erklären, möchten aber im Vorfeld keine neuen Standortdiskussionen auslösen.“ Eine weitere Kita hat soeben in der Dahlbrucher Wiesenstraße die Segel gesetzt, zunächst mit einer 20-köpfigen Kindergruppe in provisorischen Containern. Bis Oktober werden zwei weitere Gruppen hinzukommen. Dann soll das neue Kita-Gebäude, das zurzeit in Regie des kommunalen Wohnungsunternehmens im Kreis Siegen-Wittgenstein (KSG) errichtet wird, bezugsfähig sein. Zudem vermietet alf seit 2017 in dem mittlerweile käuflich erworbenen Wohnhaus, in dem der Hilchenbacher AliBaba-Laden sein Zuhause hat, fünf Wohnungen an Frauen, die von Wohnungsnot bedroht oder schon wohnungslos waren.

Der gemeinsame Nenner dieser und weiterer Aktivitäten von alf heißt laut Sonja Becker: „Selbstimmt leben!“: „Es geht uns immer darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben (wieder) in die eigenen Hände zu nehmen. Jeder biegt irgendwann mal falsch ab oder wird durch widrige Lebensumstände aus der Bahn geworfen. Unsere Angebote dienen dazu, die eigene Bahn wiederzufinden. Das gilt nicht nur, aber vor allem für Frauen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor immer wieder vor besondere Herausforderungen gestellt sind, sei es durch häusliche Gewalt, Wohnungsnot oder die schwierige Kunst, Familie und Beruf in Einklang zu bringen.“ Deshalb, so Becker, seien etwa die Kita-Angebote so ausgelegt, dass auch Randzeiten angeboten würden (Öffnungszeiten ab 6.30 Uhr bis teilw. 21 Uhr): „Das heißt natürlich nicht, dass die Kinder so lange bei uns bleiben! Aber sie können früh gebracht oder später abgeholt werden, wenn es die Arbeitszeiten der Mutter erfordern.“

Die Wohnungsangebote seien so ausgelegt, dass sie „schönes Leben“ ermöglichen: „Wir achten auf ein angenehmes, sicheres Wohnumfeld, bieten Beratung und Unterstützung bei allen Aktivitäten des täglichen Lebens und tragen so dazu bei, dass das Grundrecht auf gutes Wohnen Wirklichkeit werden kann.“

Die Kinder-Secondhand-Läden AliBaba schließlich seien deshalb von großer Bedeutung für alf, weil sie den Wiedereinstieg von Frauen ins Berufsleben und die gesellschaftliche Teilhabe erleichtern können: „Soziale Kontakte, Verantwortung, Wertschätzung, selbst zum eigenen Lebensunterhalt beizutragen, das macht stark und zufrieden. So gelingt Selbstbestimmung – Schritt für Schritt.“ In Normalzeiten – also außerhalb von Corona – arbeiten bis zu sieben Personen im AliBaba Hilchenbach, davon eine Person als Co-Anleiterin“, erklärt Astrid Brockelt, die zugleich Anleiterin für alle sechs Läden unter dem Dach von alf ist.

Karsten Barghorn, der früher selbst in der Wohnungslosenhilfe gearbeitet hat, sowie die grünen Kommunalpolitiker Frank Luschei und Dr. Peter Neuhaus, erkundigten sich auch danach, wo alf der Schuh drückt. Sonja Becker: „An erster Stelle möchte ich sagen: Wir fühlen uns in Hilchenbach sehr wohl! Die Wege sind kurz, die Unterstützung aus dem Rathaus ist sehr gut, gerade auch, was Genehmigungsverfahren im Baubereich betrifft.“

Gleichwohl gebe es zahlreiche Herausforderungen und Baustellen: „Wir suchen – auch in Hilchenbach – geeignete Immobilien, die wir erwerben wollen, um weiteren Wohnraum anbieten zu können. Dass sich die Kommunen weitgehend aus dem sozialen Wohnungsbau verabschiedet haben, ist aus unserer Sicht überaus bedauerlich.“

Im Bereich der Kinderbetreuung sei der Fachkräftemangel ein „Riesenproblem“: „Derzeit suchen wir auch für die Kita Hannes Personal.“ Die zum ersten August in Kraft getretene Kibiz-Reform (KinderBildungsGesetz NRW) habe zwar einige Verbesserungen gebracht, aber auch neue Probleme geschaffen: „Die erkennbare Tendenz, in Großtagespflegestellen wieder wegzukommen von fest angestellten Fachkräften hin zu Tagesmüttern, sehe ich mit großer Sorge. Das gilt für die Arbeitsbedingungen der Betreuenden wie für die Kinder.“ Ob alf sich dennoch ein weiteres Engagement in Hilchenbach im Kita-Bereich vorstellen könne, wollte Barghorn wissen, etwa in Helberhausen, wenn dort wider Erwarten weniger als 20 Kinder angemeldet würden. Nach Ansicht der Grünen muss das Projekt daran nicht scheitern: „Vielleicht ist ja auch ein Filial-Modell mit schon bestehenden Einrichtungen denkbar?“ Becker antwortete: „Wir sind immer zu Gesprächen bereit, die darauf zielen, die Betreuungslandschaft der Stadt und ihrer Dörfer zu verbessern.“

Im Blick auf den Immobilienbedarf sagte Barghorn zu, im Kontakt mit der Verwaltung den Informationsfluss über verfügbare Immobilien verbessern zu wollen. Über den grünen Landtagsabgeordneten Johannes Remmel wolle er kurzfristig den Kontakt zur Landespolitik herstellen, um die Kibiz-Problematik miteinander zu besprechen und auf Optimierungen hinzuwirken.

Was den Kinder-Secondhand-Laden betreffe, so werden zwar nach Möglichkeit alle Spenden aufbereitet, um sie der Kundschaft anbieten zu können: „Dennoch fällt einiges an, was nicht verwertet werden kann. Die Entsorgung ist nicht immer ganz einfach und billig. Hier wäre eine Entlastung sehr in unserem Interesse“, sagte Sonja Becker. „Wir werden im Gespräch mit der Verwaltung klären, was die Stadt an dieser Stelle tun kann“, sagte Grünen-Sprecher Neuhaus.

Zum Abschluss des Gesprächs, das im Garten des SecondHand-Ladens stattfand, kam die Frage auf, ob hier nicht noch etwas Neues entstehen könne: „Das ist ein tolles Grundstück für ‚urban gardening‘“, regte Barghorn an: „Ob Gemüse oder Obst, Hochbeete oder Wildblumen – hier kann man richtig gut und naturnah gärtnern, vielleicht in Kooperation mit Keppels Früchtchen.“ Sonja Becker und ihre Mitarbeiterin Astrid Brockelt zeigten sich angetan von der Idee und möchten die Anregung gern mit in die nächsten Planungsgespräche von alf nehmen – ebenso wie eine große Tasche frischer Äpfel aus eigenem Garten, die die Grünen-Delegation zum 30. Geburtstag der Alternativen Lebensräume mitgebracht hatte: „Wir gratulieren herzlich zum Geburtstag! Sie gehören zu Hilchenbach – und darauf können wir alle stolz sein“, erklärte Frank Luschei, seit sechs Jahren Mitglied im Sozialausschuss der Stadt. Er dankte den Gastgeberinnen für die Gastfreundschaft und versprach: „Wir kommen wieder, keine Frage!“

zurück